Prof. Dr. Joachim Ragnitz vom ifo Dresden im großen Interview

»Sachsen ist und bleibt ein Industrieland«

Prof. Dr. Joachim Ragnitz ist seit 2007 stellvertretender Leiter des Wirtschaftsforschungsinstitutes ifo Dresden. Das Institut betreibt empirische Wirtschaftsforschung, die an den besonderen Belangen der neuen Bundesländer und insbesondere des Freistaates Sachsen ausgerichtet ist. Im Interview stellte er sich den Fragen von Christian Wobst.

Freie Presse: David Ricardo, führender Vertreter der klassischen Nationalökonomie, war ein Verfechter der Spezialisierung. Volkswirtschaftler kritisieren dagegen gern, wenn sich Regionen zu sehr auf ein Produkt konzentrieren. Sehen Sie da für den Landkreis Zwickau mit seiner Spezialisierung auf den Fahrzeugbau eine Gefahr?
Joachim Ragnitz: Das in der volkswirtschaftlichen Dogmengeschichte beschriebene Muster der Spezialisierung sollte vor allem verdeutlichen, dass durch Arbeitsteilung Wohlfahrtsgewinne für alle Beteiligten erreicht werden konnten. Insoweit handelte es sich nicht um eine normative Forderung, sondern allein um eine analytische Vereinfachung. Diese bleibt zwar richtig; aus regionalökonomischer Sicht ist aber ein größeres Maß an Vielfalt eher positiv zu werten, weil damit die Abhängigkeit von branchenspezifischen Strukturkrisen vermindert wird. Insoweit ist eine zu starke Konzentration auf nur wenige Branchen in der Tat ein Problem. Allerdings kann das von der Politik nur schwer beeinflusst werden.
 
Freie Presse: Auch die Gemeinden in Westsachsen freuen sich über sprudelnde Gewerbesteuereinnahmen, auf der anderen Seite stöhnen Unternehmer gern über vergleichsweise hohe Hebesätze. Wie finden Politiker das richtige Maß?
Joachim Ragnitz: Natürlich zahlt niemand gerne Steuern. Unternehmer bilden da keine Ausnahme. Gleichzeitig wünscht man sich aber eine gut ausgebaute Infrastruktur, gute Schulen, ein attraktives Kulturangebot. Das wiederum will finanziert werden. Insoweit müssen die Politiker darauf achten, dass sie ihren Steuerzahlern – und das sind auf der kommunalen Ebene eben insbesondere die Unternehmen, auch ein Leistungsangebot bieten, das mit hohen Gewerbesteuerhebesätzen harmoniert. Mittelfristig wird sich das „richtige“ Maß an Steuern daher auch quasi automatisch herausbilden, denn ansonsten käme es ja zur Abwanderung von Unternehmen.

Freie Presse: Leipzig und Dresden sind attraktiv für junge Leute, der Landkreis Zwickau mit seinen ländlichen Strukturen hat es schwerer: Wie könnten die Verantwortlichen bei jungen Leuten und Familien punkten?
Joachim Ragnitz: Man soll die Attraktivität von Leipzig und Dresden auch nicht überschätzen. Klar, da gibt es eine lebendige Kultur- und Kneipenszene, die Universitäten, günstigen Wohnraum auch. Aber wenn man erst einmal eine Familie gegründet hat, rücken solche Faktoren auch schnell in den Hintergrund. Ländlich geprägte Regionen können dann punkten mit attraktiven Bildungseinrichtungen, einer intakten Umwelt, vielleicht auch günstigem Wohnraum. Und wenn es hinreichend Arbeitsplätze mit entsprechend wettbewerbsfähiger Entlohnung gibt, werden auch jüngere Leute wieder in die eher peripher gelegenen Regionen ziehen. Mit anderen Worten: Es kommt auf die Mischung von den genannten Leistungen der öffentlichen Daseinsvorsorge und einer starken Wirtschaft an. Dies sind die Ansatzpunkte, um die sich die politisch Verantwortlichen kümmern müssten.

Freie Presse: In einer aktuellen Studie stellen Sie fest, dass die ostdeutschen Länder zwar für Studenten attraktiv sind, nach der Ausbildung aber ein großer Teil der Absolventen andernorts eine Erwerbstätigkeit aufnimmt. Was kann eine Studentenstadt wie Zwickau, was können die Unternehmen im Landkreis besser machen, um die jungen Leute im Landkreis zu halten?
Joachim Ragnitz: Wenn Absolventen abwandern, hat das natürlich häufig damit zu tun, dass ihnen anderswo höhere Löhne geboten werden. Aber häufig folgt dann die Ernüchterung auf dem Fuße, weil auch die Lebenshaltungskosten anderswo zumeist höher sind als in den ostdeutschen Regionen. Politik, Verwaltung und auch Unternehmen müssen dies zunächst einmal deutlicher kommunizieren. Und ein zweites Problem ist, dass sich Studenten häufig nur bei Unternehmen bewerben, die ihnen bekannt sind. Die oft kleinen ostdeutschen Unternehmen haben da oftmals schlechte Chancen. Hier kann man nur entgegenwirken, indem man schon frühzeitig versucht, an den Hochschulen in der Region präsent zu sein, so durch das Angebot von Praktikumsplätzen, durch gemeinsame Forschungsprojekte oder eben auch einfach nur durch Sponsoring. Da sind dann auch nicht nur die Unternehmen gefragt, sondern auch deren Verbände, also insbesondere die Industrie- und Handelskammern.

Freie Presse: Der Landkreis fällt nicht gerade mit einer dynamischen Gründerszene auf. Läuft da in der Region Ihrer Meinung nach etwas schief oder ist Deutschland einfach kein Gründerland?
Joachim Ragnitz: Da sprechen Sie ein wirklich gravierendes Problem an. Unternehmen werden ja typischerweise von solchen Menschen gegründet, die ein hohes unternehmerisches Potential mitbringen und auch bereit sind, das Risiko einer Selbständigkeit auf sich zu nehmen. Daran hapert es in vielen ostdeutschen Regionen – zum Teil, weil gerade die dynamischsten Menschen häufig abgewandert sind und zum Teil auch deswegen, weil das Unternehmerbild in der Gesellschaft immer noch eher negativ geprägt ist. Da spielen tradierte Einstellungen aus der Vergangenheit eine große Rolle, die durch Schule und Elternhaus bis heute weitergegeben werden. Letzten Endes kann man hier nur versuchen, durch mehr Informa-
tion und mehr Werbung für die Selbstständigkeit etwas daran zu ändern. Anderenfalls besteht die große Gefahr, dass bei der aus demographischen Gründen in den nächsten Jahren anstehenden Welle von Unternehmensnachfolgen viele Unternehmen nicht überleben werden.

Freie Presse: Von Ausbildung bis Studium haben junge Leute heute in Sachsen eine nie zuvor dagewesene Auswahl. Doch welche Jobs werden in zehn Jahren in Sachsen gebraucht?
Joachim Ragnitz: Gut ausgebildete junge Menschen finden eigentlich immer eine adäquate Tätigkeit. Das wird auch in den nächsten Jahren so sein – wobei die altersbedingt hohe Zahl von Renteneintritten in der nächsten Zukunft die Beschäftigungschancen für die nachrückenden Kohorten massiv erhöhen wird. Stark gefragt werden künftig sicherlich auch die sogenannten MINT-Berufe sein, also naturwissenschaftlich-technische Ausbildungsgänge, denn Sachsen ist und bleibt ein Industrieland. Aber auch in einigen Dienstleistungsbereichen sehe ich durchaus gute Chancen. Schwierig wird es nur für diejenigen, die keine gescheite Ausbildung absolviert haben, da die Nachfrage nach unqualifizierter Arbeit künftig eher abnehmen wird.

Freie Presse: Und sollten die jungen Leute diese Berufe auch lernen?
Joachim Ragnitz: Natürlich: Jede Ausbildung ist besser als keine Ausbildung. Natürlich gibt es Berufe mit nicht so günstigen Perspektiven, aber die muss man ja nicht unbedingt wählen. Es ist daher eine wichtige Aufgabe der Schulen, gegebenenfalls unterstützt durch die Unternehmensverbände, bereits frühzeitig den Jugendlichen eine Ahnung davon zu geben, welche Berufe zu ihnen passen können. 

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